Genau 31 Tage hatte ich mich in Laos aufgehalten, als ich es an der Zeit fand, das Land zu verlassen und damit in neue Breitengrade, Kambodscha betreffend, vorzustossen. Mein Visa fuer Kambodscha hatte ich mir bereits vor ein paar Monaten in Bangkok besorgt, fuer umgerechnet 30 Euro ungefaehr. So stand der Reise ins neue Land nichts mehr entgegen.
Eigentlich unterhaelt Kambodscha keinen offiziellen Grenzuebergang mit Laos. Jedoch gibt es eine Art provisorischen Grenzuebergang, unweit von Don Det. Dieser ist von Zeit zu Zeit fuer jederman geoeffnet (Touristen als auch Einheimische), was sich aber staendig aendert, sodass er dann zeitweise ganz geschlossen oder fuer Touristen nicht geoeffnet ist. Zur Zeit kann man ihn jedoch unbeschraenkt benutzen. Im Restaurant auf Don Det, in dem ich mir das Busticket fuer den Transport zum naechstgroesseren kambodschanischen Ort gekauft habe, hatte man mich davon in Kenntnis gesetzt, dass die laotischen Grenzbeamten eventuell eine Art ‘Service-Money’ (man koennte es auch Bestechungsgeld nennen) von 1 bis 2 Dollar fuer den Exit-Stempel im Reisepass verlangen wuerden. Auf der kambodschanischen Seite sollte man jedoch nichts bezahlen.
Am Morgen des 13. Januar setzen wir mit dem Boot von Don Det aufs Festland ueber, wo alle ‘Grenzgaenger’ dann in Minibusse verfrachtet werden. Wir fahren eine Weile auf asphaltierter Strasse, biegen dann auf einen Waldweg ab und nach weiteren 20 Minuten Fahrt geht in unserem Minibus einstimmig die Meinung herum: ‘Hier gibt es wohl ausser der gruenen Grenze keinen Grenzuebergang, weder offiziell noch inoffiziell.’ Dann haelt der Minibus an und ein Laote mit Aktentasche steigt zu, erzaehlt uns, er sei unser ‘Grenzformalitaetenorganisator (hier GFO genannt) und ist dafuer zustaendig, uns ueber die Grenze zu schleusen...
Dann kommen wir am hoelzernen Grenzhaeuschen an, der Waldweg durch die rot-weisse Schranke unterbrochen. Unser GFO sammelt unsere Reisepaesse ein und geht vor zum Grenzhaeuschen, wir sollen am Auto zurueckbleiben und warten. Nach einer Weile kommt er wieder, sagt, er muesse von jedem von uns 5 Dollar ‘Service-Money’ einkassieren. Er hat in den vergangenen Tagen schon mehrere Leute ueber die Grenze gebracht, und die Beamten lassen nicht mit sich verhandeln, so werden auf Laos-Seite 2 und auf Kambodscha-Seite 3 Dollar faellig. Da die Informationen der Gaestehaeuser und Restaurants jedoch ein wenig von seinen Angaben abweichen, protestieren wir und geben ihm vorerst kein Geld, mit der Begruendung: Erstens sollen uns es die jeweiligen Beamten persoenlich ins Gesicht sagen, das und wieviel ‘Service-Money’ sie haben wollen und, zweitens, wollen wir ihm, dem GFO, die 3 Dollar fuer die Kambodscha-Beamten nicht schon jetzt in die Hand druecken, bevor wir ueberhaupt erfahren haben, wie hoch den der aktuelle Stand des ‘Service-Money’auf der anderen Seite sei.
Und so gehen wir selbst zum Grenzhaeuschen und fragen, ob wir unsere Paesse nebst eingetragenen Exit-Stempel wiederhaben koennen. Die Antwort der Grenzbeamten lautet ‘Natuerlich koennen Sie, gegen 2 Dollar Aufpreis bitte.’ Wir diskutieren eine Weile mit ihnen, doch wollen sich die Beamten nicht erweichen lassen. Sie erwidern eher: ‘You don’t pay – you go back!’ Und da man uns in Don Det auf diese Reaktion hingewiesen hatte, zahlen wir die verdammten 2 Dollar. 1:0 fuer den GFO.
Auf geht’s in die zweite Halbzeit. Nicht mal ein Grenzbeamter, sondern der Fahrer unseres Minibusses betaetigt die Schranke. Diesmal lassen wir den GFO kalt links liegen und gehen direkt vor zum Grenzhaeuschen. Wir geben die Paesse ab.
Es dauert eine halbe Stunde, bis die Beamten alle Reisepaesse und Visa durchgegangen sind und, was sich letzten Endes als der entscheidende Punkt fuer ihre Niederlage herausstellen sollte, die Entry-Stempel eingetragen haben. Denn ist der Stempel einmal drin im Pass, geht er nicht mehr so ohne Weiteres rueckgaengig zu machen. Angekotzt von der Abzockerei und schlecht gelaunt auf Grund des Ausgangs der ersten Tageshaelfte, haben wir uns in jener halben Stunde der Pass-Bearbeitungszeit geschworen, mit weit haerteren Bandagen in die bevorstehenden Verhandlungen mit den Beamten zu gehen, sollten sie auf die Idee kommen, ‘Service-Money’ zu erheben. So haben wir uns eine ganze Reihe von Argumenten zurechtgelegt, mit denen wir ihnen begegnen wollen, sind nicht dazu bereit, auch nur einen Schritt zurueckzugehen und ziehen sogar die Variante des Sitzstreik durchaus in Betracht. Und, wie schon damals im Kindergarten, haben wir uns den Ehrenkodex geschworen: Alle oder keiner!
Dann kommt der mit Spannung erwartete Moment. Der Grenzer nimmt einen Pass hervor und ruft die entsprechende Person, in diesem Fall ist es eine Franzoesin. Voller Selbstvertrauen steht sie auf und geht zum Schreibtisch des Beamten, setzt sich auf den Stuhl, ihm gegenueber: ‘This is your passport Madam, 3 Dollar, please.’ Optimistisch und hoeflich entgegnet sie ihm das erste Argument: ‘Warum soll ich fuer etwas zahlen, was mir laut Gesetz kostenfrei zusteht?!’, worauf der Beamte erwidert: ‘This is Service-Money, 3 Dollar, please!’ Daraufhin wirft sie ihm das naechste Argument an den Kopf: ‘Ich habe bereits 30 Euro fuer das Visa bezahlt, womit/worin alle Ein- und Ausreisekosten beglichen/enthalten sind!’ Der Beamte probiert’s ein drittes Mal: ‘3 Dollar, please, or you go back!’ Mit dem Ehrenkodex im Ruecken, sagt die Franzoesin dem Grenzbeamten dann: Éntweder Sie geben mir meinen Pass, oder ich bleibe hier sitzen bis in alle Ewigkeit!’ Das muss den Beamten dann wohl ungeheuer beeindruckt haben, als er ihr widerdruessig den Pass aushaendigt. Dabei ist uns aufgefallen, dass er das ohne weitere Buerokratie getan hat, was bedeutet, die Entry-Stempel sind bereits eingetragen. Und so koennen wir nun praktisch gar nicht mehr viel verlieren.
Als zweiter Kandidat wird der Hollaender aufgerufen. Wieder das gleiche Spiel, Argumente hin und her, wobei der Beamte natuerlich keine kraeftigen Argumente hervorbringen kann. Es dauert eine Weile, bis er dem Druck des Hollaenders nachgibt und seinen Pass aushaendigt. Damit ist das Eis nun endgueltig gebrochen und die Beamten wissen, sie haben verloren und werden nicht auch nur einen einzigen Cent von uns erwarten koennen.
Der Rest von uns braucht entweder nur ‘Nein’ zur Geldforderung sagen beziehungsweise bekommt den Pass ohne Weiteres ausgehaendigt. Als wir wieder zum Minibus zurueckkehren, tut unser GFO ganz scheinheilig, sagt, es waere unmoeglich, dass man nichts bezahlen muss und er koenne es sich absolute nicht vorstellen. Mit diesen Worten verabschiedet er sich von uns und macht sich auf den Weg zurueck auf die laotische Seite, um neue ‘Touristen-Opfer’ aufzugabeln. Wir denken nur, so ein Arschloch; will uns 5 Dollar abknoepfen fuer nichts und hat hinterruecks wahrscheinlich einen Deal mit den Beamten. 2 Dollar fuer jede Seite (Laos, Kambodscha), 1 Dollar fuer ihn. Den Beamten wird es wohl recht sein, ersparen sie sich doch jegliche Diskussionen und sind sich ihrer 2 Dollar pro Person sicher.
Uns Leuten im Minibus ging es bei dieser Aktion in erster Linie ums Prinzip und um die Verantwortung, das Prinzip, das man kein Geld fuer einen Exit-/Entry-Stempel bezahlen muss und um die Verantwortung anderer, noch folgender, Touristen gegenueber. Und so tauschen wir Traveler auf unseren Reisen untereinander Tips und Erfahrungen aus, am liebsten aus erster Hand.
Mit diesen Worten schliesse ich dieses Kapitel 'Einreise in Kambodscha’ und werde Euch bald mit Kambodschas alter und neuer Geschichte belasten (wie schon beim Artikel ueber Phonsaven, Laos, geschehen).