June 10, 2004

Der 1. Juni 2004

Letzte Woche war ich ja bekanntlich in Paris zu einem 6-tägigen Kurzurlaub. Am Ende sollte es mir aber wesentlich länger vorgekommen sein, da ich viel unterwegs war und noch mehr erlebt habe. Doch zurück zum Ausgangspunkt, nach Dublin.

Es ist Dienstag morgen, der 1. Juni 2004. Die Stadt schläft noch, Gordan auch (das gilt ja eh als gesetzt). Mein gesamtes Reisegepäck habe ich soweit reduziert, das es als Handgepäck durchgeht und ich es mit ins Flugzeug nehmen kann. Das war mir insofern wichtig, als dass ich der Wartezeit beim Gepäckförderband auf dem Pariser Zielflughafen Charles de Gaulle entgehen wollte. So bin ich nun lediglich mit meinem Bundeswehr-Rucksack ausgestattet. Den Rucksack habe ich übrigens vor zwei Jahren von Lohmann zum Geburtstag geschenkt bekommen. An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank dafür. Ich nehme nun also den Bus (welcher an diesem Morgen ausnahmsweise mal nach Fahrplan fährt, was in Irland weiß Gott nicht immer der Fall sein muss) und bin um halb sechs am Dublin Airport. Während ich nun darauf warte, dass mein Flug aufgerufen wird, kehre ich in Gedanken noch einmal auf den Flughafen Frankfurt/Main zurück, von wo aus ich letztes Jahr für vier Monate in die Vereinigten Staaten geflogen bin, zu einem Auslandsaufenthalt an dem ich noch immer so viel zehre, der so viel veränderte und an den ich mich wohl bis in alle Ewigkeit erinnern werde.

Irgendwo zwischen Irland und Frankreich verlassen wir dann mit unserer Air Lingus-Maschine die Zeitzone der Insel und tauchen in die des Kontinents ein. Schaut man dabei auf die Uhr, dann macht das, absolut gesehen, genau eine Stunde aus. Nachher werde ich feststellen, dass ich mich in Paris zugleich um ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückversetzt fühle, als auch gegenüber Dublin mich um ein paar Jahrzehnte in der Zukunft bewege. Darauf komme ich aber später noch einmal zurück. Falls ich´s vergesse, erinnert mich bitte daran.

Um halb elf sind wir dann unversehrt auf dem Pariser Flughafen gelandet. Von hier aus nehme ich die Metro, die sich bis auf 800 Meter meinem Hostel „La Maison“ nähert. Den Rest der Strecke knoble ich mir mit Hilfe eines notdürftigen Stadtplans und ein paar Richtungsandeutungen französischer Bürger zusammen. Meine Sachen im Hostel abgelagert laufe ich einfach drauflos. Grobe Richtung soll mir das „Stade Roland Garros“ sein, in dem zur Zeit die French Open ausgetragen werden. Ich möchte mich heute schon mal über die Situation vor Ort erkundigen, wie es mit den Tickets und den dazugehörigen Preisen aussieht, und so weiter. Auf dem Weg zum Stadion kommen mir all die Klischees entgegen, wie wir sie schon aus den Filmen her kennen: Häuserfassaden, die mit kleinen schwarzen Gittern vor den Fenstern verziert sind, Mofafahrer, die sich überall durchschlängeln, Blumen- und Obstläden, Straßencafes, denen man einfach nicht widerstehen kann, hupende Autos, Alleen, Bäckereien, aus denen es nach frisch gebackenem Baguette riecht und mittendrin immer wieder Mofafahrer, als Pizzaboten unterwegs oder einfach nur so.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Tennisstadion. Bereits ein paar hundert Meter vorm Eingang werden mir Karten für 250 Euro das Stück angeboten. Dankend lehne ich ab und gehe weiter bis zum offiziellen Ticket-Verkaufsstand. Hier sieht die Situation verändert aus: Die Karten kosten bis zu 62 Euro, jedoch sind alle restlos ausverkauft. Der Verkäufer, der ungefähr so alt ist wie ich, sagt, ich müsse morgen in der Frühe wiederkommen, mich in die Schlange stellen und hoffen, dass noch ein Ticket übrig bleibt. Besonders groß sei die Chance nicht, aber vielleicht habe ich ja Glück... Am Ende glaube ich, dass die Jungs vom Schwarzmarkt seine Cousins sind und er mit ihnen unter einer Decke steckt. Nicht weit von mir steht ein Mädchen. Sie scheint das selbe Problem zu haben. Wir beschließen eine Einheit zu bilden, um so besser mit den Jungs vom Schwarzmarkt handeln zu können. Wir entfernen uns ein wenig vom Eingang des Stadions und sprechen mit einem „Ticket-Dealer“. Sein Eröffnungsangebot lautet 2 Tickets für je 200 Euro. Nach einer fünfminütigen Bedenkzeit teilen wir ihm unser Gebot mit: 100 Euro pro Ticket, nicht mehr, nicht weniger. Auch er gestattet sich fünf Minuten Bedenkzeit und kehrt dann mit einem verschobenen Gesicht zu uns zurück. Er stimmt zu. Der Deal scheint perfekt. Als wir ihm das Geld überreichen wollen, schwenkt er doch noch mal um und erhöht auf 120 Euro pro Ticket. Die spontane Preissteigerung, die er ganz freundlich in einem Lächeln verpackt hatte, rechtfertigte er mit der Aussage, die 40 Euro mehr wären ja nicht für ihn sondern für seinen Freund, laber, laber, Gummiball. Wir drehen ab, fragen ihn ob er der englischen Sprache mächtig sei und das er unsere Forderung doch eigentlich hätte verstehen müssen. Dann gibt er schließlich doch nach und wir schlagen ein. Mit den Tickets ist alles o.k., das werde ich am Donnerstag auch bestätigt bekommen. Dennoch fühle ich mich „über´s Ohr gehauen“. Mit uns Touristen kann man doch machen, was man will. Man nutzt uns aus und wir merken es nicht mal; und wenn doch, dann können wir eh nichts ändern. Ich fühle mich belogen und betrogen und doch unendlich glücklich nun wirklich zu den French Open zu gelangen. Ein langersehnter Traum, etwas das ich schon immer mal machen wollte, wird endlich war.

Auf dem Weg zurück zum Hostel komme ich an einem Kino namens UGC vorbei. In Dublin habe ich bei dieser Kinofirma einen Vertrag für „unbegrenztes Kino“ abgeschlossen (16 Euro pro Monat, Mindestvertragsdauer 12 Monate). Kurzerhand entschließe ich mich für die Spätvorstellung von Roland Emmerichs „Le jour d´aprés“.

Dann ist es Mitternacht. In meinem 4-Bett-Zimmer im Hostel schlafen bereits alle. Wenig später lege auch ich mich hin, an diesem Abend des 1. Juni 2004.


Posted by Sascha at June 10, 2004 12:10 PM
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