Hier nun wie angekündigt ein erster Lagebericht vom Leben auf der grünen Insel. Hört was ich Euch zu sagen habe:
Montag, 24. November 2003
Es ist jetzt eine Woche her, dass ich aus Amerika zurück bin. Der Kopf tut mir noch immer weh vom vorangegangenen, für Dahmer Verhältnisse wahrscheinlich ganz normalen, für mich jedoch nach vier Monaten USA-Aufenthalt völlig ungewohnten, weil vor allem stark alkoholausgerichteten Wochenende.
Der Passat wird für den Auslandseinsatz flott gemacht. Ich packe meine sieben Sachen und fahre los. Die Reise führt mich zunächst ins Sauerland zu Martin. Das letzte Mal war ich vor zehn Jahren hier. Da hatte Leo gerade seinen 50sten. Ja und wie soll es schon anders sein – im Sauerland regnet´s mal wieder, die perfekte Irlandvorbereitung schlechthin.
Am nächsten Morgen setze ich meine Reise fort. Ich fahre durch die Niederlanden, Belgien und schließlich bis nach Calais in Frankreich. Nach knapp anderthalb Stunden hat mich die Fähre sicher und unbeschadet ans britische Ufer des Ärmelkanals geschifft. Es ist bereits Nachmittag, die Uhren werden eine Stunde zurückgestellt, die Amtssprache ist Englisch, der Himmel wolkenverhangen, die Autos fahren links, überall ist Kreisverkehr und der Fernfahrer wie immer mittendrin.
Irgendwie konnte ich diesem ersten Wirrwarr dann doch entkommen und habe mich in den darauffolgenden Stunden auf den sogenannten Motorways in Richtung Wales durch England gekämpft. Leider habe ich bei meiner Fahrt durchs britische Königreich nichts von der Landschaft mitbekommen, da es halt schon dunkel war und wie sooft in diesem Teil der Erde ununterbrochen regnete. Na ja, ich denke ich werde schon noch mal die Gelegenheit in meinem Leben bekommen, nach Großbritannien zu fahren. Diese Nacht schlafe ich in einem Motel in Holyhead (westliches Wales), von wo aus meine zweite und finale Fährverbindung nach Dublin ausläuft.
Ein neuer Tag - ein neues Land. Meine Mama vermisst mich nun schon geschlagene zwei Tage. Und Papa hat´s bestimmt auch schon mitgekriegt, dass ich nicht mehr zu Hause bin. Der Dritte in dieser Runde ist mein Bruder. Svene weiß zwar, dass ich bereits wieder unterwegs bin, kann mit dieser Situation auch umgehen, versteht das alles aber halt nicht so recht. Also er sagte immer zu mir „ich müsse doch mal ein Haus bauen, und so ...“
Wiedemauchsei, ich bin nun in Dublin angekommen, gehe wieder zur nächsten Bibliothek und suche mir ein paar Adressen von Hostels heraus. Ist also die gleiche Verfahrensweise, wie ich sie auch schon in Chicago angewendet habe. Mein neues Heim für die nächsten Wochen wird nun nach entsprechender Abwägung der einzelnen Faktoren das Litton Lane Hostel sein. Das ist jenes Hostel, in dem zu früheren Zeiten auch schon U2 und Sinead O´Connor ihre Unterkunft bezogen hatten. Mitten im City-Center von Dublin gelegen, bedarf es gerade mal 3 Minuten um bis zur Temple Bar zu gelangen, dafür muss man den Liffey-River überqueren und kann hierzu die berühmte Ha´Penny-Bridge benutzen. Die Leute hier im Hostel sind größtenteils ganz nett, manche kann ich natürlich nicht leiden, aber das ist ja immer so. Solche Hostels sind übrigens immer ein beliebter erster Anlaufpunkt für Leute aus der ganzen Welt, die nach Dublin kommen, das Land kennenlernen wollen, dazu zuerst einen Job suchen und sich anschließend um eine Wohnung kümmern. Also alles solche Menschen wie ich.
Die erste Woche wurde größtenteils durch organisatorische Dinge bestimmt. Sei es, um die verschiedenen Job-Agencies zu besuchen, welche sich dann am Arbeitsmarkt für mich stark machen können. Oder auch allerhand polizeiliche Dinge zu regeln, da man ja dem Passat die rechten Seitenscheiben rausgeschlagen hatte, um mich unnötigerweise von zwei Koffern mit allerhand erinnerungsträchtigem, teils wichtigem und für mich wertvollem Zeug zu befreien. Na ja, jemand anders kann jetzt richtig schön Weihnachtsgeschenke verteilen an seine Kumpels. Anyway, life goes on. Ich bin dann zu so einer Art Zweigstelle der irischen Polizei gegangen, die nennen sich Organisation of Tourist Victim of Crime. Hier bekam ich erst mal ein paar Shirts, einen Warengutschein und einen Hinweis auf eine seriöse Kfz-Werkstatt. Die Shirts sind gesponsert von Guinness (größte Brauerei Irlands), und der Warengutschein kam von Penneys (eine Art irischer Karstadt).
In der zweiten Woche habe ich mein erstes Jobangebot wahrgenommen: Administrator im Warenhaus. Vollzeit, 40 Stunden die Woche, verteilt auf drei Tage, d.h. 13,5 Stunden täglich, die restlichen vier Tage frei. Diesen Job habe ich genau eine Woche durchgehalten. In Irland ist alles ein bisschen anders, hier kriegt man einen Job, arbeitet aber nicht. Ich habe praktisch 13,5 Stunden am Tag drei Tage die Woche nur rumgesessen, versucht die Zeit totzuschlagen, verzweifelt mit einem Besen durch die riesigen Hallen marschiert, nur um mir das Gefühl zu geben, ich verdiene mein Geld nicht umsonst. Es war grausam.
In der dritten Woche nun geht's straight forward mit mir. Ich habe mich eingelebt. Komme mit der irischen Mentalität klar, habe die Schrecken um den Passat überwunden, ein paar Freunde gemacht, wir gehen ins Kino (verstehen nur die Hälfte vom Film), gehen joggen, feiern in einem der unzähligen Pubs entlang der Temple Bar. Seit Montag arbeite ich bei Hewlett-Packard im Costumer Service; good company, nice poeple, entspannte Atmosphaere. In den nächsten Tagen werde ich mich nun verstärkt dem Thema Wohnungssuche widmen.
Sollte ich es nicht mehr schaffen einen nächsten Bericht zu verfassen, wünsche ich Euch schon jetzt Merry Christmas und take care guys.
Bevor ich die Anekdoten aus fernen Landen auspacke, möchte ich noch kurz ein paar Gedanken zu meinem letzten Heimaturlaub zusammentragen:
Keine Frage, es war mal wieder schön, nach vier Monaten USA zu Hause gewesen zu sein; all die Veränderungen auf der Jahrhundertbaustelle mitten im Herzen Rietdorfs zu besichtigen; Bess und Edda in die Arme zu nehmen und dann gemeinsam mit Svene die Gemarkungen 17 und 18 abzuschreiten; hierbei die weiteren Bauvorhaben zu beurteilen und diesbezüglich eine Prioritätenliste aufzustellen. Unerwähnt sollten an dieser Stelle nicht die etlichen Versuche meiner Mama bleiben, die mich mit ihren unvergleichbaren Kochkünsten zum Verbleib in der Heimat bewegen und somit von weiteren Reiseunternehmungen abhalten wollte.
Doch geben mir nicht nur mein Heimatdorf und meine Familie den Mut zu neuen Taten. Auch möchte ich mich hier bei all meinen Freunden bedanken, die mir einen recht netten Heimaturlaub bereitet haben. Sei es der obligatorische, freitägliche Vereinsstammtisch bei Gerhard Bin Laden, das Samstagabendprogramm im Schützenhaus oder eine Privatparty im Hause Schüler/Rathert in der Rubreistraße. Da kann man drei mal um die ganze Welt reisen, solch eine Konstellation der Ereignisse findet man einfach nur zu Hause.
Na ja und dann sind Heimaturlaube aus bestimmten Gründen einfach nur nötig, z.B. um sich von dieser Wer-Ist-Mit-Wem-Zusammen-Thematik auch wirklich hautnah überzeugen zu können oder an der Gemeinderatssitzung in Rietdorf teilzunehmen, in welcher der Bürgermeister für die nächsten 5 Jahre gewählt wird (Lipsi hat sich am Ende durchgesetzt). Wohlgemerkt hat es sich bei dieser Sitzung um die Wahl des Bürgermeisters von Rietdorf gehandelt. Für die Gemeinde Rietdorf-Mitte sind solche Sitzungen täglich angesetzt. Lutz Kreißler, Bürgermeister von Rietdorf-Mitte, hat sein Amt zwar auf Lebenszeit gewährt bekommen, wird aber trotzdem im Gegensatz zum Bürgermeister von Rietdorf jeden Tag nach Feierabend bei Horschte im Büro neu im Amt bestätigt.
So nun habe ich aber genug gefaselt über Politik, Vereinswesen, bauliche Maßnahmen und geschichtliche Ereignisse. In den nächsten Tagen werdet ihr mehr über mein Leben auf der grünen Insel erfahren.
Bis dahin - freundliche Grüsse von Eurem Fernfahrer.